Die drei Fragezeichen Wiki
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Die drei ??? Kids - Verhexter Regentanz ist der 6. Midi-Band der drei ??? Kids. Er wurde von Ulf Blanck geschrieben und 2009 veröffentlicht.


Inhalt[]

Klappentext[]

"Schamba ... kimbale ... tozulunga", sang der Regenmacher und trommelte laut dazu. Bob sah Justus und Peter verblüfft an. "Hört ihr das? Es regnet tatsächlich!" Kann der Regenmacher die Dürre in Rocky Beach beenden? Sein Regenzauber kostet auf jeden Fall so viel Geld, dass die drei ??? Verdacht schöpfen. Um dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, beschatten sie den seltsamen Mann...

Hier ist der gesammte Text des Buches:

Justus Jonas wälzte sich im Bett herum, denn zum Weiterschlafen war es viel zu heiß. Das Laken hatte sich um seine Beine gewickelt, und er war schweißgebadet. Sein Mund war trocken. Müde griff er zum Wasserglas auf dem Nachttisch. Doch es war leer. Nur eine tote Fliege lag darin.

   „Mann, ist mir heiß“, stöhnte Justus, riss die Bettdecke zur Seite und trat ans offene Fenster. Verschlafen rieb er sich die Augen und blickte über den großen Schrottplatz von Onkel Titus.

   Gerade fielen die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer im ersten Stock. Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet, und selbst der große Kirschbaum neben der Veranda ließ seine Blätter hängen. Es war erst kurz nach sechs. So früh stand Justus in den Ferien normalerweise nicht auf. Doch anscheinend gab es noch jemanden, der bei der Hitze nicht mehr schlafen konnte. Von unten drangen Geräusche aus der Küche. Justus schlüpfte in seine Hausschuhe und schlurfte die Holztreppe hinunter.


   In der Küche traf er Tante Mathilda. „Guten Morgen, Justus! Kannst du auch nicht mehr schlafen?“ Er gähnte. „Wie soll man bei der Backofenhitze schlafen? Bei mir oben im Zimmer sind es bestimmt schon hundert Grad. Eine Wüste ist nichts dagegen.“ Seine Tante lachte. „Nun ja, hundert Grad sind es mit Sicherheit nicht, aber so heiß war es tatsächlich lange nicht mehr bei uns in Kalifornien. Hier, trink erst einmal einen Schluck Wasser!“ Sie nahm ein Glas und drehte den Wasserhahn auf. Doch nur ein dünner Strahl plätscherte heraus. „Nun sieh dir das an! Wir haben kaum noch Druck auf der Leitung. Wenn es nicht bald regnet, dann sind die letzten Wasservorräte der Stadt aufgebraucht. Man darf sogar die Blumen nicht mehr gießen. Meine Tomaten sind schon völlig vertrocknet.“

   Jetzt kam auch Onkel Titus in die Küche. „Was ist denn hier für eine Versammlung?“, grinste er. „Hat euch auch die Hitze aus dem Bett getrieben?“ Justus nickte. „Ich würde mich am liebsten in den Kühlschrank setzen. Genau neben die Butter und die kalte Milch.“ Tante Mathilda lächelte. „Untersteh dich! Dann hockst du nämlich genau auf meinem frisch gebackenen Kirschkuchen!“

   Wenig später saßen sie alle auf der Veranda und frühstückten. Zum Glück kam jetzt ein leichter Wind vom nahen Pazifik auf und brachte etwas Abkühlung. Onkel Titus rührte nachdenklich in seiner Kaffeetasse. „So langsam wird’s ernst. Ich habe gestern mit dem Bürgermeister gesprochen. Wenn es nicht bald regnet, dann wird es einen Notfallplan geben. Die Felder sind fast alle vertrocknet, und die Bauern müssen das Wasser schon mit Tankwagen heranschaffen.“ Justus nahm sich ein Stück Kirschkuchen. „Und dabei wohnen wir direkt am Meer. Wasser gibt es eigentlich genug.“ Onkel Titus schüttelte den Kopf. „Aber nur Salzwasser. Stell dir vor: Früher sind Seefahrer oft auf dem Meer verdurstet, weil ihre Wasservorräte aufgebraucht waren. Einige wurden wahnsinnig und haben vor Verzweiflung das salzige Meerwasser getrunken. Doch dadurch wurde alles noch schlimmer. Von zu viel Salzwasser kann man sterben.“ Dann schlug er die Zeitung auf. „Laut Wetterbericht soll sich auch in den nächsten Tagen nichts ändern. Da wird es einige Probleme geben. Ohne Wasser geht gar nichts.“

   In diesem Moment kamen Peter und Bob mit ihren Rädern durch das große Tor gefahren. Sie hatten sich mit Justus für diesen Tag verabredet, um im Meer zu baden. „Hallo, Just!“, rief Bob ihm entgegen. „Beeil dich! Sonst ist der Pazifik bei der Hitze weggetrocknet, und wir können nur noch Sandburgen bauen.“ Peter grinste. „Cool, dann kann man Fische einsammeln, und vielleicht entdecken wir noch ein paar versunkene Schiffe.“ Doch als die beiden den Kirschkuchen auf dem Tisch erblickten, hatten sie es plötzlich nicht mehr so eilig. „Nun setzt euch erst einmal!“, lächelte Tante Mathilda. „Nicht, dass ihr mir am Strand noch verhungert.“

   Selbst im Schatten der Veranda war es kaum auszuhalten, und Onkel Titus fächerte sich mit seinem leeren Teller Luft zu. „Jetzt ein richtig schöner Regenschauer. Das wäre was.“

   Plötzlich hörte man von der Straße her Pferdehufe über den Asphalt traben. Wenig später rollte eine merkwürdige Kutsche auf den Hof der Familie Jonas. Es war ein umgebauter Lieferwagen, der von einem schwitzenden Ackergaul gezogen wurde. Onkel Titus legte seinen Teller weg, stand ungläubig auf und rieb sich die Augen. „Was ist das denn? Ich glaube, ich sehe schon eine Fata Morgana.“

   Die Scheibe des Lieferwagens fehlte, und auf dem Fahrersitz saß ein bärtiger Mann mit Federschmuck auf dem Kopf. Die Zügel hatte er fest im Griff. „Ho, Brauner! Ho!“ Sein Pferd gehorchte ihm aufs Wort. Ruckartig blieb es stehen und scharrte mit den Hufen. Eine große Staubwolke hüllte das Gefährt ein. Dann öffnete sich die Tür, und der seltsame Mann stieg aus dem Wagen. „Guten Morgen!“, rief er mit einer tiefen Stimme und einem seltsamen Akzent. „Ich suche das Büro des Bürgermeisters von Rocky Beach!“

   Tante Mathilda schien nicht gerade erfreut über den Besuch, denn die Staubwolke schwebte jetzt genau auf die Veranda zu. „Hier ist es auf jeden Fall nicht, Mister. Ich habe Ihren Namen gar nicht verstanden?“

   Der Mann nahm seinen Federschmuck kurz ab, und man erkannte seinen kahlen Schädel. „Entschuldigen Sie, Madam. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Kentucky Colby. Sagen Sie einfach Ken zu mir. Meine indianischen Freunde nennen mich aber Payakootha. Das bedeutet so viel wie Vorüberziehende Wolke .“


   Jetzt wurde Justus neugierig. „ Vorüberziehende Wolke ? Wieso?“ Der Mann setzte seinen Federschmuck wieder auf. „Das ist ganz einfach, mein Junge. Ich bin ein Regenmacher.“


Für einen Moment war es still auf der Veranda. Selbst das Pferd hörte auf, mit den Hufen zu scharren. „Ein Regenmacher?“, wiederholte Peter Shaw irritiert. „Ich dachte, so etwas gibt es nur in Indianerfilmen.“ Mit großen Schritten ging Ken Colby auf sie zu. „Die meisten wissen nicht, wie sehr wir Indianer mit der Natur eins sind. Darum machen sich viele Leute lustig über moderne Medizinmänner. Doch den Regentanz gibt es schon länger als die ganzen Indianerfilme. Glaubt mir!“ Jetzt schaltete sich Tante Mathilda wieder ein. „Das will ich Ihnen gerne glauben, Mister Colby. Meine Tomaten würden sich über eine kleine Dusche von oben freuen.“

   Die drei ??? mussten sich auf die Lippen beißen, um nicht laut loszulachen. Tante Mathilda würde nie an etwas glauben, dass sie nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Doch Ken Colby hatte anscheinend kein Problem mit der Stichelei. „Warum nicht, Madam. Für einen richtigen Regenguss ist es noch etwas zu früh, aber ich denke, eine kleine Erfrischung für die Tomaten werde ich zu Stande bringen. Danach müssen Sie mir aber sagen, wo ich den Bürgermeister finde.“ Tante Mathilda setzte sich wieder auf ihren Stuhl. „Abgemacht, Mister Colby. Dann mal los! Soll ich Ihnen einen Regenschirm bringen?“

   Doch der selbsternannte Regenmacher war schon in seinem Wagen verschwunden und kam wenig später mit einer unheimlichen Maske aus Holz wieder. Sie war bunt bemalt und mit Federn und kleinen Tierknochen geschmückt. In der Hand hielt er einen langen Stab. Dieser war ebenso verziert und etwa armdick. Damit stellte er sich direkt neben die vertrockneten Tomatenpflanzen. Langsam drehte Colby den merkwürdigen Stab um, und man hörte plötzlich das leise Rieseln eines Regenschauers.

   „Wisst ihr, was das ist?“, flüsterte Bob. „Das ist ein Regenstab. So etwas liegt bei uns im Musikraum in der Schule. Der ist gefüllt mit kleinen Steinchen oder Muscheln. Wenn die nach unten rieseln, macht es die Geräusche.“

   Der Regenmacher tanzte jetzt langsam um die Büsche herum und begann mit einem seltsamen Gesang. „Uahuaa … tanbari … ukandidoo …“ Tante Mathilda tippte sich an die Stirn. „Also, wenn ihr mich fragt, dann hat der Mann einen Sonnenstich.“ Unbeirrt führte dieser seinen Tanz fort. „Keilando … bahuga … schabundanga …“ Die drei ??? sahen sich grinsend an. Doch plötzlich riss der Mann den Regenstab in die Luft, es gab einen lauten Knall, und alles um ihn herum war auf einmal in Nebel getaucht. Als dieser sich verzog, funkelten auf den Tomaten unzählige Tautropfen in der Sonne. Ken Colby nahm seine Maske ab und verbeugte sich. „Wie gesagt, die Regengötter sind so früh am Morgen noch nicht so recht wach. Aber für eine kleine Erfrischung für die Tomaten hat es gelangt. Wenn Sie mir jetzt bitte sagen wollen, wie ich zum Bürgermeister komme!“


   Tante Mathilda war sprachlos. Doch bevor sie antworten konnte, kam Justus ihr zuvor. Seine Neugierde war nun endgültig geweckt und die Badebucht vergessen. „Mister Colby, ich schlage vor, wir fahren mit unseren Rädern vorweg. In die Stadt ist es nicht weit, und wir zeigen Ihnen den Weg zum Rathaus. Wie haben Sie das gemacht?“

   Aber der Regenmann ließ sich nicht in die Karten schauen. „Tja, mein Junge, der Regenzauber bleibt ein Geheimnis der Medizinmänner. Tut mir leid.“

   Anschließend setzte er sich wieder in den Wagen und nahm die Zügel in die Hand. „Los, Brauner! Ho! Kehr, marsch!“ Langsam rollte das Gefährt vom Hof.

   Peter sah seinen Freund verwundert an. „Just, und du willst wirklich dem Federmann den Weg zeigen?“

   „Na, klar. Das ist auf jeden Fall spannender als baden gehen. Ich will wissen, was der mit dem Bürgermeister zu besprechen hat. Glaubt mir, da steckt irgendetwas Aufregendes dahinter. Das verrät mir meine Detektivnase.“

   Tante Mathilda spuckte in ihre Stoffserviette. „Deine Nase verrät mir erst mal, dass da noch der halbe Kirschkuchen dranhängt.“ Justus hasste es, wenn sie ihm mit der Serviette durchs Gesicht fuhr. „Igitt! Ich bin doch kein Baby mehr. Lass das!“

   Onkel Titus starrte währenddessen immer noch auf die feuchten Tomaten. „Wie hat der das nur gemacht?“, grummelte er. „Mit der Nummer kann er glatt in einem Zirkus auftreten. Wenn Colby es tatsächlich schafft, Regen herbeizuzaubern, dann wird er bei uns schnell zum reichen Mann.“

   Justus, Peter und Bob rannten zu ihren Rädern. Colbys Gefährt rollte bereits gemächlich über die Küstenstraße in Richtung Rocky Beach, und die drei Jungs nahmen die Verfolgung auf. Peter klopfte beim Überholen an die Seitenscheibe des umgebauten Lieferwagens. „Einfach hinter uns herfahren, Mister Colby! Bis Rocky Beach sind es nur ein paar Kilometer.“

   In der Stadt war um diese Zeit noch nicht viel los, und die drei ??? führten den Regenmacher direkt auf den Marktplatz. Am Brunnen stellten sie ihre Räder ab. Normalerweise plätscherte aus einer Bronzefigur ständig Wasser. Doch aus dem Schlauch des berühmten Feuerwehrmannes Fred Fireman kam zurzeit kein Tropfen. Die Pumpe hatte sich automatisch abgestellt, da das Wasser bei der Hitze verdunstet war.

   Justus deutete auf das Rathaus neben der Polizeiwache. „Hier müssten Sie unseren Bürgermeister, Mister Plimsfield, treffen.“

   Ken Colby stieg aus dem Wagen und blickte bedeutungsvoll in den Himmel. „Also gut, dann werde ich mal sehen, was ich für die Stadt Gutes tun kann.“

   In diesem Moment trat ein Mann im Anzug aus dem Rathaus. Peter erkannte ihn sofort. „He! Sie haben Glück. Das ist Mister Plimsfield.“ Der Bürgermeister wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging schnurstracks ins kleine Eiscafé auf dem Marktplatz. Um diese Zeit waren die meisten Stühle bei Giovanni noch frei. Ken Colby verabschiedete sich. „Alles klar, Jungs. Dann vielen Dank.“ Kurz darauf setzte sich der Regenmacher an den Tisch des Bürgermeisters.

   Justus knetete nachdenklich seine Unterlippe. „So ein Mist! Ich hätte zu gern gewusst, worüber die beiden reden.“ Bob zog ein paar Münzen aus seiner Hosentasche. „Kein Problem. Niemand verbietet uns, am Nachbartisch ein Eis zu bestellen.“ Zwischen den beiden Tischen stand ein großer Tontopf mit einem breiten Bambusbusch. Justus strahlte. „Verstehe. Da können uns die beiden nicht sehen. Los!“


   Die drei ??? kamen gerade noch rechtzeitig, um das Gespräch zu belauschen. Der Bürgermeister schien sehr aufgeregt. „Mister Colby, Sie wissen gar nicht, wie froh ich bin, dass Sie gekommen sind. Ich bin kurz davor, den Notstand für Rocky Beach auszurufen. Das Wasser wird immer knapper, und täglich erhalte ich wütende Anrufe von Einwohnern der Stadt. Ich muss irgendetwas unternehmen, sonst fließt in wenigen Tagen überhaupt kein Wasser mehr aus der Leitung, und die Felder vertrocknen. Mit den Bauern hier in der Gegend ist nicht zu spaßen. Und bald haben wir Wahlen. Ein Bürgermeister wird schnell abgewählt, wenn er sich nicht um seine Stadt kümmern kann. Verstehen Sie?“

   Colby ließ sich Zeit mit der Antwort. „Ich verstehe Sie sehr gut, Bürgermeister. Sie haben mich gerufen, und hier bin ich. Was wollen Sie von mir?“

   Justus schielte durch den Bambusbusch und beobachtete, wie Plimsfield aus einer kleinen Dose eine Pille nahm und in den Mund steckte. „Mister Colby, lassen Sie es regnen! Kein kleiner Schauer, sondern ein richtiger Wolkenbruch. Niemand soll sagen, der Bürgermeister lässt seine Stadt vertrocknen.“


   „Verstehe, ein Wolkenbruch. Kein Problem. Das kostet zweitausend Dollar.“ Vor Schreck nahm der Bürgermeister noch eine Pille. „Zweitausend Dollar? Dafür kann ich ja einen ganzen Getränkemarkt leer kaufen.“ Colby stand entschlossen auf. „Tun Sie das, Bürgermeister. Ich werde woanders gebraucht.“

   Plimsfield packte den Regenmacher nervös am Arm und zog ihn wieder auf den Stuhl. „Nein, Sie haben mich falsch verstanden. Natürlich möchte ich Ihre Dienste in Anspruch nehmen. Ich hätte nur nicht gedacht, dass es so teuer wird. Gut, ich bin einverstanden. Ich werde das Ganze als Sonderausgabe verbuchen. Die Verwalter der Stadtkasse sind da manchmal etwas kleinlich.“

   „Sehr schön. Ich verlange aber ausschließlich Bargeld. Keine Schecks, keine Überweisung. Alles in blanken Dollarscheinen.“ Nach einer weiteren Pille stimmte Plimsfield auch dieser Forderung zu. „Okay, das Geschäft ist gemacht. Aber jetzt habe ich auch eine Bedingung: Bevor ich zahle, müssen Sie mir erst beweisen, dass Sie es auch tatsächlich regnen lassen können. Ich glaube nicht an Zauberei, aber ich habe schon viel darüber gehört. Wie Sie es zustande bringen, ist mir egal. Einzige Bedingung: Ich will eine kleine Vorführung.“

   Justus blickte seine beiden Freunde kurz an. „Mit seinem kalten Nebel wird er aber diesmal nicht weit kommen“, flüsterte er. Doch Ken Colby hatte nichts dagegen einzuwenden. „Gut, Bürgermeister. Wer will schon die Katze im Sack kaufen? Ich werde den Marktplatz etwas unter Wasser setzen.“ Plimsfield stand der Mund offen. „Was? Jetzt und hier?“

   „Ja, wollen Sie nun eine Demonstration meiner Kunst, oder nicht?“

   „Ja schon, aber …“

   „Schön. Dann folgen Sie mir. Ihr Jackett sollten sie allerdings ausziehen. Wäre schade, wenn es nass wird.“

   Ohne Zeit zu verlieren, ging Colby jetzt zurück zu seinem Wagen. Mittlerweile hatten sich neugierige Passanten um das Gefährt versammelt. Plimsfield hingegen wollte anscheinend nicht zusammen mit dem Regenmacher gesehen werden und versteckte sich hinter der Eiskarte. Justus hatte genug gehört. „Kommt mit! Das sehen wir uns an.“

   Obwohl sich ab und zu kleinere Wolken vor die Sonne schoben, war es immer noch unerträglich heiß. Ken Colby hatte inzwischen rings um den Brunnen einige Tongefäße aufgestellt. Mehr und mehr Menschen füllten den Platz. Doch anstelle des verzierten Regenstabs holte Colby diesmal eine große Trommel aus dem Wagen und hängte sie sich um den Hals. Zum Schluss setzte er die Holzmaske auf und begann, mit den Händen gleichmäßig zu trommeln. „Umbanga … schakuma … patazumbo …“

   In den umliegenden Häusern öffneten sich die ersten Fenster. Neugierig schoben die Anwohner ihre Köpfe heraus und starrten auf den Platz. „Keidamo … mantimbra … schallosch …“

   Bob Andrews blickte in den Himmel. „Also aus den paar Wolken fällt bestimmt kein einziger Tropfen.“

   Mit einer brennenden Fackel entzündete der Regenmacher nun den Inhalt der Tongefäße. Dichter Qualm stieg auf. „Schamba … kimbale … tozolunga …“


   Der Bürgermeister schob die Eiskarte noch etwas dichter vor sein Gesicht. Es schien so, als hätte sich in den wenigen Minuten ganz Rocky Beach auf dem Marktplatz versammelt. Überall wurde leise getuschelt. Mittlerweile schossen aus einigen der Tontöpfe helle Funken heraus. Es roch seltsam nach Schwefel. „Zakkabuh … trampallokusa … schrakkambra …“ Das Trommeln des Regenmachers wurde immer schneller und wilder. Die ersten Schaulustigen traten ängstlich einen Schritt zurück. „Bakabunkaba …“ Dichter Qualm verdunkelte jetzt die Sonne, und Colby riss die Arme hoch: „Allappalappakkawumm!“

   Plötzlich gab es einen lauten Knall, es blitzte gleißend hell, und die Menschen stießen entsetzte Schreie aus. Dann war es für einen kurzen Moment totenstill.

   „Hört ihr das?“, flüsterte Bob. „Das ist wieder das Geräusch vom Regenstab.“ Doch schnell wurde ihm klar, dass es sich diesmal um echte Tropfen handelte. Erst waren es nur wenige, doch schließlich prasselte ein warmer Regen aufs heiße Kopfsteinpflaster des Marktplatzes.


Langsam traute sich der Bürgermeister wieder hinter der Eiskarte hervor. „Ganz außergewöhnlich. Wirklich verrückt. So habe ich mir das vorgestellt.“

   Die Menschen auf dem Marktplatz waren dagegen fassungslos. Ungläubig blickten sie auf den Regenmacher, wie er in aller Ruhe seine Tontöpfe einpackte. Der Rauch hatte sich verzogen, und erste Pfützen bildeten sich. Sogar der Brunnen füllte sich allmählich, und nach einiger Zeit plätscherte es wieder aus der Bronzefigur von Fred Fireman.

   Doch genauso schnell wie er begonnen hatte, hörte der Regen wieder auf. Die Sonne vertrieb die letzten Wolken am Himmel, und nach und nach leerte sich der Platz.

   „Ich wette, das steht morgen in der Zeitung“, staunte Peter. „Colby muss irgendeinen Trick haben.“ Der Regenmacher hatte seine Maske bereits abgelegt und ging zurück zu Mister Plimsfield. Eilig schlichen die drei ??? wieder hinter den Bambusbusch.


   „Und, Bürgermeister? Hat Ihnen meine kleine Vorstellung gefallen?“ Dieser trocknete sich mit einer Serviette das Gesicht ab. „Natürlich. Ich bin begeistert.“ Colby lächelte. „Sehen Sie. Und das war nur ein klitzekleiner Schauer. Für zweitausend Dollar wird es in der ganzen Umgebung mehr regnen, als Ihnen lieb ist. Doch kommen wir zum Geschäftlichen. Ich arbeite nur mit Vorkasse.“ Der Bürgermeister blickte ihn fragend an. „Vorkasse?“

   „Ja. Ich kassiere immer im Voraus. Wie gesagt, alles in barem Geld.“ Der Bürgermeister nahm die letzte Pille aus der Dose. „Gut. Warten Sie hier! Ich muss ins Rathaus. In drei Minuten bin ich mit dem Geld wieder da.“

   In der Zwischenzeit begann Giovanni, der Besitzer des Eiscafés, die Tische trocken zu wischen. „Mama Mia! Was war das denn? Regen bei schönstem Sonnenschein? Alles pitschpatsch nass, wie unter einer Dusche.“ Ken Colby bestellte einen Kaffee und lehnte sich in dem geflochtenen Korbstuhl zurück. Als Giovanni schließlich an den Tisch der drei ??? kam, legte Bob seine wenigen Cents auf den Tisch. „Dafür hätten wir gern ein Eis“, grinste er. Giovanni fand das gar nicht lustig. „Wollt ihr mich ruinieren, hä? Dafür bekommt ihr gerade mal ein paar Eiswürfel. Mama Mia! Was ist das für ein Tag heute?“

   Kurz darauf kehrte der Bürgermeister aus dem Rathaus zurück. In der Hand hielt er einen Briefumschlag. Der Regenmacher rührte zufrieden in seiner Kaffeetasse. Nervös blickte sich Plimsfield um. „Hier, Mister Colby. In diesem Umschlag sind genau zweitausend Dollar. Leider sind sehr viele kleine Scheine dabei. Ich hab’s aus der Portokasse genommen. Bitte enttäuschen Sie mich nicht.“

   Seelenruhig öffnete Colby den Umschlag und legte die Scheine auf den Tisch. Plimsfield war dies anscheinend gar nicht recht. „Mister Colby, Sie können mir vertrauen! Schließlich bin ich Bürgermeister. Das Geld muss doch nicht jeder in der Stadt sehen.“ Dann nahm er hektisch die Eiskarte und versuchte, die Dollarnoten damit abzudecken. Doch dabei stieß er ungeschickt gegen die Kaffeetasse und der ganze Kaffee ergoss sich über die Geldscheine. „Oh nein! Auch das noch. Entschuldigen Sie, Mister Colby. Aber die bekomme ich mit einer Serviette wieder trocken getupft.“

   Der Regenmacher lachte. „Ist doch egal, Bürgermeister. Lassen Sie die Scheine! Ob mit oder ohne Kaffeeflecken – die behalten ihren Wert.“ Vergnügt steckte er das Geldbündel in einen kleinen Lederbeutel und strich sich durch seinen Vollbart. „Also, der Regenzauber beginnt heute Mittag. Auf dem Weg in die Stadt habe ich eine stillgelegte Tankstelle an der Küstenstraße entdeckt. Das ist ein guter Platz. Wir treffen uns um Punkt zwölf Uhr dort.“ Dann stand er auf und klopfte dem Bürgermeister grinsend auf die Schulter. „Und bringen Sie Gummistiefel mit! Da wird ganz schön was runterkommen.“ Plimsfield tupfte sich den Schweiß ab. „Ich hoffe, Mister Colby, ich hoffe.“

   Die drei ??? hatten genug gehört und gingen zurück zu ihren Rädern am Brunnen. Fröhlich plätscherte das Wasser aus Firemans Spritze. Peter wischte mit seinem T-Shirt den nassen Sattel trocken. „Der hat ihm tatsächlich zweitausend Dollar gegeben. Jetzt bin ich echt gespannt.“ Bob war zuversichtlich. „Warum nicht? Colby hat mit der Vorführung bewiesen, dass er es regnen lassen kann. Es muss da einen Trick geben. Vielleicht hat der Rauch aus den Töpfen was damit zu tun?“ Justus blickte auf die Uhr am Kirchturm. „Es ist jetzt genau elf Uhr. In einer Stunde wissen wir, ob Colby sein Wort hält oder nicht.“ Colby war inzwischen mit seiner Kutsche verschwunden. Peter deutete auf einen großen Haufen Pferdeäpfel. „Vorsicht! Nicht reintreten! Der Regenmann hat uns ein Andenken dagelassen.“


Die drei ??? machten sich sofort auf den Weg und erreichten nach einer Weile den Treffpunkt, den der Regenmacher genannt hatte. Justus stieg ab und schob sein Rad die letzten Meter. „Wir haben Glück“, flüsterte er, „Colby ist noch nicht da. Zeit genug, um uns ein gutes Versteck zu suchen.“

   Schon seit Jahren wurde die Tankstelle nicht mehr genutzt. Die Zapfsäulen hatte man abgebaut, und an einem hohen Mast wiegte sich ein rostiges Schild leise quietschend im Wind hin und her. Das Dach des kleinen Tankstellenhäuschens war eingefallen, und die Scheibe zur Straße hin hatte jemand zerschlagen. Die drei ??? legten sich hinter einem alten Verkaufstresen auf die Lauer. Lange brauchten sie nicht zu warten. Um Punkt zwölf Uhr fuhr ein dunkler Wagen vor. Es war der Bürgermeister. Er stieg aus und sah auf die Uhr.

   Endlose Minuten vergingen, doch Ken Colby ließ sich nicht blicken. Bob putzte seine Brille mit dem T-Shirt sauber. „In der Haut des Bürgermeisters möchte ich nicht stecken. Irgendwann muss er erklären, was mit den zweitausend Dollar geschehen ist. Ich glaube nicht, dass unser Regenspinner noch auftaucht.“ Anscheinend hatte der Bürgermeister dieselben Befürchtungen. Nach einer Viertelstunde stieg er wieder in seinen Wagen.


Plötzlich stand Justus auf. „Eigentlich weiß ich gar nicht, warum wir uns hier verstecken. Unser Bürgermeister ist reingelegt worden, und wir müssen ihm helfen. Kommt mit!“ Ohne zu zögern, folgten ihm Peter und Bob. Mister Plimsfield war überrascht, als er die drei Jungs auf sich zulaufen sah. Verwundert schaltete er den Motor wieder aus und öffnete die Tür. „Äh, wo kommt ihr denn her?“

   Justus holte tief Luft. „Mister Plimsfield, wir haben durch Zufall mitbekommen, was Sie mit Mr Colby besprochen haben. Unserer Meinung nach hat der Mann Sie betrogen.“ Der Bürgermeister schnappte nach Luft. „Dann, dann wisst ihr …“ Bob unterbrach ihn. „Ja, wir wissen auch von den zweitausend Dollar. Der verhexte Regentanz des Mannes sollte nur dazu dienen, dass Sie ihm vertrauen und Geld geben.“

   Jetzt zog der Bürgermeister sein durchschwitztes Jackett aus. „Aber er hat es tatsächlich regnen lassen. Wieso sollte ich ihm nach der Vorführung nicht glauben?“ Justus nickte langsam. „Das stimmt. Aber Colbys Vorschlag, dass er die ganze Gegend hier unter Wasser setzen kann, würde ich mit einem Fragezeichen versehen. Ich denke, auf dem Marktplatz gab es irgendeinen Trick. Der Qualm? Die Töpfe? Wir wissen es auch nicht.“

   Erschöpft lehnte sich Plimsfield auf die Kühlerhaube seines Wagens. „Ja, ihr habt recht. Ich war zu leichtgläubig. Durch die Wasserknappheit sah ich einfach keinen Ausweg mehr. Colby rief mich vor ein paar Tagen an und berichtete mir von seinen Wundertaten. Er machte mir den Vorschlag, dass wir uns einmal treffen sollten. Ich ging darauf ein. Warum auch nicht? Noch weniger als jetzt konnte es ja nicht regnen. Als er dann tatsächlich auf dem Marktplatz Regen gezaubert hat, waren alle Zweifel wie weggeblasen. Ich weiß gar nicht, was ich jetzt tun soll. Wenn ich zur Polizei gehe, dann mache ich mich zum Gespött der ganzen Stadt.“

   Justus blickte ihm in die Augen. „Da wird Ihnen aber leider nichts anderes übrig bleiben. Immerhin waren die zweitausend Dollar aus der Stadtkasse. Ich wette, Ken Colby rechnet damit, dass Sie nichts unternehmen.“ Mister Plimsfield war am Boden zerstört. „Ich werde gleich Kommissar Reynolds aufsuchen. Soll sich die Polizei um den Betrüger kümmern. Ich wette, der ist mit seiner komischen Kutsche schon über alle Berge.“

   Auch Justus ließ den Kopf hängen. „Wir würden Ihnen ja gern helfen, aber es gibt überhaupt keinen Anhaltspunkt, wie wir die Verfolgung aufnehmen könnten und …“ Plötzlich unterbrach er sich und blickte auf die Straße. „Was ist, Just? Hast du einen Geist gesehen?“, grinste Bob. „Nein, viel besser. Da liegt ein Haufen Pferdemist.“ Bob sah ihn mit großen Augen an. „Oh nein! Just hat einen Sonnenstich. Schnell, er braucht einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf.“ Doch Justus hatte keine Zeit für Witze. „Versteht ihr nicht? Die Pferdeäpfel stammen garantiert von der Kutsche. Wenn wir Glück haben, dann finden wir noch mehr auf der Straße. Das heißt, wir müssen nur den Haufen folgen und landen automatisch bei Colby.“

   Der Bürgermeister schien von der Idee nicht besonders angetan zu sein. „Also, ich weiß nicht, Kinder. Das ist Sache der Polizei.“

   Aber Justus ließ nicht locker. „Wir wollen Colby ja auch nicht verhaften, sondern nur herausfinden, wo er mit dem Geld geblieben ist. Wenn wir es wissen, dann melden wir uns bei Ihnen, und Kommissar Reynolds soll den Rest erledigen. Sie müssen wissen: Spurenlesen ist unser Hobby.“ Jetzt mischte sich auch Bob ein. „Und wenn die Spuren stinken, dann macht es besonders Spaß.“

   „Lass den Quatsch, Bob!“, unterbrach ihn Justus. „Immerhin geht es hier um Betrug und um zweitausend Dollar. Das ist keine Kleinigkeit! Also, Mister Plimsfield – was meinen Sie?“

   Der Bürgermeister hatte sich anscheinend eine neue Pillendose besorgt und öffnete sie jetzt mit zittrigen Fingern. „Na gut. Wenn ihr mir versprecht, nur der Spur zu folgen, dann bin ich einverstanden. Meldet euch sofort, wenn ihr was herausgefunden habt! Hier! Ich gebe euch eine Visitenkarte mit meiner Telefonnummer im Rathaus. Ich muss jetzt leider zu einer dringenden Stadtratssitzung.“ Kurz darauf fuhr er mit quietschenden Reifen in Richtung Rocky Beach davon.

   Justus steckte die Visitenkarte ein. „Also, wenn Colby tatsächlich hier langgefahren ist, dann werden wir höchstwahrscheinlich auf der Straße noch mehr Pferdeäpfel finden. Wenn man die Küstenstraße immer geradeaus fährt, dann landet man in Los Angeles. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Colby dort mit seinem Vehikel herumkutschiert. Also denke ich, dass er irgendwo unterwegs abbiegen muss.“ Peter stimmte ihm zu. „Das sehe ich auch so. Wir können nur hoffen, dass sein Gaul genügend gefressen hat und regelmäßig Pferdeäpfel fallen lässt. Am besten genau an jeder Kreuzung.“

   Aufgeregt setzten sie sich wieder auf ihre Räder und fuhren die Küstenstraße entlang. Es dauerte nicht lange, da entdeckten sie mitten auf der Straße einen zweiten Haufen Pferdemist. Justus triumphierte: „Na bitte! Wie ich vermutet habe. Hoffen wir nur, dass es sich um das gleiche Pferd handelt.“ Bob war bester Laune. „Probier doch mal! Wenn’s gleich schmeckt, dann ist es der Gaul von Colby.“ Doch Justus hatte genug von Bobs Witzen und warf ihm nur einen ärgerlichen Blick zu.

   Auf den nächsten sechs Kilometern fanden sie zwei weitere Haufen Pferdemist auf der Straße. In einer scharfen Rechtskurve führte ein schmaler Feldweg ins Landesinnere. Genau an dieser Stelle entdeckte Peter noch einen Haufen Pferdeäpfel. „Seht mal! Wir haben Glück mit der Wegmarkierung! Da geht’s lang!“

   Die drei ??? bogen ab und fuhren den holprigen Weg entlang. Der Pfad schlängelte sich eine Anhöhe hinauf. Schließlich tauchte vor ihnen ein großer Bauernhof auf. Auf einer Weide standen Kühe, und etwas weiter graste eine Herde Pferde. Justus kratzte sich am Kopf. „Ich hatte eigentlich etwas anderes erwartet. Die Pferdeäpfel müssen nicht unbedingt vom Pferd unseres Regenmannes stammen. Hier scheinen öfters Pferde lang zu laufen. Außerdem sehe ich keinen umgebauten Lieferwagen.“

   Doch sie beschlossen trotzdem, sich den Hof genauer anzusehen. Bob hielt sich die Nase zu. „Mann, wie das stinkt. Meine Turnschuhe sind nichts dagegen.“ Von allen Seiten hörte man es blöken, schnattern und grunzen. Hühner nahmen Reißaus, und überall liefen irgendwelche Tiere herum. Ein kleiner Hund rannte aufgeregt auf sie zu und kläffte sie wütend an. „Lasst uns lieber umkehren!“, schlug Peter etwas ängstlich vor. Doch in dem Moment entdeckten sie vor einem großen Schuppen den Bauern. Der Mann trug einen großen Strohhut und rauchte Pfeife. „Na, was treibt euch denn hierher?“, begrüßte er sie. „Wollt ihr ein paar frische Hühnereier kaufen? Direkt aus dem Stall und garantiert von glücklichen Hennen!“


Justus winkte ab. „Äh, nein. Eigentlich interessieren wir uns mehr für Ihre Pferde.“ Der Mann lachte. „Meine Pferde? Nein, die kann man natürlich nicht kaufen. Aber ich verstehe, ihr sucht eine Reitschule? Tja, tut mir leid, damit kann ich nicht dienen. Die Pferde sind mein Hobby. Aber ich komme nur selten zum Ausreiten. Kaufen könnt ihr bei mir Schweine, Kühe, Gänse, Schafe, Enten und haufenweise Hühner. Soll ich euch ein paar einpacken? Mit oder ohne Kopf?“

   Als niemand über den Witz lachen wollte, rieb der Bauer seine Hände am grünen Overall sauber. „War nur ein Scherz. Mein Name ist übrigens Duncan Flowers. Ihr könnt aber Donkey zu mir sagen. Das machen alle hier in der Gegend.“

   Die ganze Zeit bellte wütend der kleine Hund. „Jetzt ist es aber gut, Schnappi! Du kannst mit dem Krach aufhören! Das sind keine Einbrecher! Ihr müsst wissen, Schnappi ist zwar klein, aber ein guter Wachhund. Ich bin der einzige Mensch weit und breit, den er nicht anbellt. Nur wenn ich dabei bin, lässt er Fremde in Ruhe. So, jetzt muss ich mich aber wieder an die Arbeit machen. Meine Pumpe für den Brunnen ist ausgefallen, und ohne Wasser geht hier gar nichts. Ich hab jemand bestellt, der mir das Ding repariert. Die Stadt wollte mir eigentlich für den Notfall einen Laster mit einem großen Wassertank schicken. Aber auf die ist kein Verlass. Wird Zeit, dass es mal wieder regnet.“

   Justus drehte sich zu seinen beiden Freunden um. „Das hier ist eine Sackgasse. Keine heiße Spur. Lasst uns verschwinden!“ In diesem Moment rollte ein alter Pick-up auf den Hof, und Schnappi bellte wieder, so laut er konnte. Justus traute seinen Augen nicht: Es war Onkel Titus. „Wo kommst du denn plötzlich her?“, rief ihm Justus überrascht entgegen. Onkel Titus war nicht minder verwundert. „Das gleiche könnte ich euch auch fragen. Mister Flowers rief mich gestern an. Ich soll seine kaputte Brunnenpumpe reparieren. Tja, und hier bin ich. Und was treibt ihr hier, wenn ich fragen darf?“ Bob versuchte sich herauszureden. „Also, wir … wir wollten mal sehen, wie es so auf einem Bauernhof ist.“ Onkel Titus glaubte ihm kein Wort. „So, so. Ferien auf dem Bauernhof. Aber mir kann es egal sein. Ihr habt ja frei, und da könnt ihr machen, was ihr wollt. Jetzt lasst mich erst mal Mister Flowers Guten Tag sagen.“

   Der Bauer schien sich über das Familientreffen zu amüsieren. „Ich bitte Sie! Lassen Sie sich von mir nur nicht abhalten. Es kommen so selten Leute zu mir, und jetzt geht es gleich zu wie auf einem Bahnhof. Schnappi, hör auf zu bellen! Aber Spaß beiseite: Die Zeit drängt, und die Pumpe muss dringend repariert werden. Hören Sie, wie die Schweine grunzen? Die haben Durst.“ Onkel Titus holte seinen Werkzeugkasten aus dem Wagen. „Gut, dann will ich keine Zeit verlieren. Jungs, ihr könnt mit anpacken. So eine Pumpe wiegt ganz schön. Dafür gebe ich euch nachher auch ein Eis in der Stadt aus.“ Mürrisch willigte Justus ein. Eigentlich hatte er andere Pläne gehabt.

   Die nächste Stunde verbrachten sie damit, die Pumpe auseinanderzuschrauben. Zum Glück hatte Onkel Titus das Problem schnell erkannt. „Tja, die Dichtung ist hin. Kleiner Schaden – große Wirkung. Ich werde bei mir auf dem Schrottplatz schauen, ob ich einen passenden Ersatz finde. Heute wird das aber leider nichts mehr. Ich muss Sie auf morgen vertrösten.“ Duncan Flowers klopfte enttäuscht seine Pfeife aus. „Schöner Mist. Dann muss ich zur Tankstelle fahren und ein paar Kanister Wasser besorgen. Bei der Hitze halten die Tiere sonst nicht lange durch.“ Dann griff er in die Tasche seines Overalls und übergab Onkel Titus einige Scheine. „Hier sind schon mal dreißig Dollar Anzahlung für die Reparatur. Den Rest bekommen Sie morgen.“ Onkel Titus nahm das Geld dankend an. Justus wusste, dass sein Onkel meistens knapp bei Kasse war. Dennoch schenkte er den drei Jungs eine 5-Dollar-Note. „Hier! Ihr sollt auch etwas davon bekommen. Schließlich habt ihr eine Stunde eurer kostbaren Ferienzeit geopfert.“

   Die beiden Männer unterhielten sich noch, und Justus, Peter und Bob gingen zu ihren Rädern. „Wenigstens können wir uns jetzt mehr als eine Portion Eiswürfel bei Giovanni kaufen“, freute sich Bob. Als Justus das Geld in seine Hosentasche stecken wollte, blieb er abrupt stehen. „Moment! Seht euch mal den Schein an!“ Peter wunderte sich. „Was soll damit sein? Ist nur dreckig und voller Flecken. Kein Wunder, hier auf dem Bauernhof.“ Doch Justus hatte einen anderen Verdacht. „Das sind nicht irgendwelche Flecken. Man kann es sogar noch riechen: Das sind Kaffeeflecken.“


   „Zeig mal her!“, unterbrach Bob. „Du hast recht. Riecht nach Kaffee. He! Und jetzt weiß ich auch, woran du denkst: An die Scheine von Plimsfield, als die Kaffeetasse im Café umgefallen ist und …“ Justus legte ihm die Hand auf den Mund. „Pst! Nicht so laut. Es kann einfach nur ein Zufall sein, aber ich glaube nicht gern an Zufälle. Für mich ist das auf jeden Fall eine heiße Spur. Wir müssen an der Sache dranbleiben.“

   „Und was schlägst du vor?“, wollte Peter wissen. „Lasst mich nur machen. Ich glaube, ich habe eine Idee.“ Zielstrebig ging Justus auf den Bauern zu. Dieser wollte sich gerade von Onkel Titus verabschieden. „Mister Flowers, darf ich Sie noch was fragen?“ Der Bauer nickte freundlich. „Aber immer doch, mein Junge.“ Justus fuhr fort: „Wir haben eben überlegt: Die Idee mit den Ferien auf dem Bauernhof finden wir eigentlich gar nicht so schlecht.“ Onkel Titus sah seinen Neffen verwundert an. „Ich meine, hier gibt es bestimmt einiges zu entdecken. Können wir uns das nicht einmal für einen Tag ansehen?“ Auch Flowers war überrascht von Justus’ Vorschlag. „Ich dachte immer, Jungs in eurem Alter interessieren sich für ganz andere Dinge. Doch wenn ihr unbedingt wollt: Ihr dürft gerne einen Tag hierbleiben. Übernachten könnt ihr im Heuschuppen. Als ich Kind war, habe ich da am liebsten geschlafen.“ Justus’ Augen leuchteten auf. „Onkel Titus, dürfen wir?“ Dieser verstand die Welt nicht mehr. „So kenne ich euch gar nicht. Doch, von mir aus. Tante Mathilda wird bestimmt auch nichts dagegen haben. Aber ein Bauernhof ist nicht zum Ausruhen da. Mister Flowers, geben Sie den Jungs ruhig ein paar Aufgaben. Schließlich machen die hier keinen Luxusurlaub. Morgen komme ich dann mit der Dichtung für die Pumpe und bringe Zahnbürsten mit.“ Peter und Bob sahen sich verwirrt an. Es war ihnen ein Rätsel, was Justus vorhatte.


Kurz darauf fuhr Onkel Titus mit seinem Pick-up den holprigen Weg zurück, und Duncan Flowers reichte jedem der drei ??? grinsend eine Mistforke. „So, ich will mich an die Anweisungen eures Onkels halten. Die Arbeit auf einem Bauernhof ist kein Zuckerschlecken. Als Erstes machen wir den Schweinestall sauber.“

   Im Stall war es unerträglich heiß, und die drei Jungs hielten sich die Nase zu. Von allen Seiten grunzte es aus den Boxen. Millionen von Fliegen sausten durch die Luft.

   Der Bauer schien allmählich Gefallen an seinen jungen Feriengästen zu finden. „Also, gut zuhören! Stallausmisten ist so einfach wie Staubsaugen. Ihr nehmt euch immer eine Box vor. Das Schwein schiebt ihr raus, Mist auf die Schubkarre packen, frisches Stroh auf den Boden und am Ende Sau wieder rein. Noch Fragen? Gut. Bis gleich.“

   Mürrisch nahm Bob eine Mistgabel. „Was hat der Bauer gesagt? Erst das Schwein raus, oder wie?“ Vorsichtig näherten sie sich einer Box und schoben ein langes Brett zur Seite. Verwundert glotzte sie ein dickes Schwein an. Peter hielt seine Mistgabel fest in der Hand. „Komm, putt, putt. Na, komm schon, mein liebes Schweinchen. Der Onkel tut dir nichts – wenn du mir auch nichts tust. Jetzt wird sauber gemacht.“ Plötzlich machte das Schwein einen Satz nach vorn und galoppierte aus der Box. Vor Schreck sprang Peter zurück, stolperte über einen leeren Blecheimer und landete in der Schubkarre. „Mist! Schnell! Jemand muss die große Stalltür zumachen! Die Sau will abhauen.“ Doch es war zu spät. Anscheinend hatte das Tier die Chance erkannt und rannte, so schnell es ging, ins Freie. Justus schmiss seine Mistgabel weg. „Los! Hinterher!“

   Das Schwein lief zielstrebig auf den großen Misthaufen zu und schien sich über die gewonnene Freiheit zu freuen. Laut grunzend triumphierte es. Bob hingegen hatte die Nase voll. „Mir reicht es langsam. Wenn du nicht sofort wieder in den Stall gehst, landest du noch heute in der Wurstmaschine! Verstanden?“ Das Schwein schien aber nicht darauf zu hören und machte erst mal einen großen Haufen. Bob übergab seine Mistgabel an Justus. „So, Chef. Das war deine Idee mit dem Bauernhof. Dann sieh auch zu, wie du die Sau wieder einfängst!“

   Jetzt war Justus’ Ehrgeiz geweckt. Er dachte fieberhaft nach. Plötzlich rannte er wieder in den Stall und kam mit einem Eimer Wasser wieder zurück. „Braves Schweinchen. Du hast bestimmt Durst, oder? Hier hab ich ein feines Wässerchen für dich.“ Jetzt begriff Peter den Plan. „Na klar. Die Schweine sind halb am Verdursten, und Justus will die Sau damit in den Stall zurücklocken. Genial!“ Bob äffte Justus nach. „Braves Schweinchen. Tolles Schweinchen. Wirklich genial. Mit der Nummer landet Just bestimmt als Schweinedompteur im Zirkus.“ Doch Justus ließ sich nicht irritieren. Schritt für Schritt folgte ihm das Schwein bis in den Stall. „So, jetzt schnell die Tür zu! Geschafft! Die Sau ist drin.“


   Das Ausmisten war anstrengender, als sie gedacht hatten. Nach einer halben Stunde waren gerade mal drei Boxen gesäubert. Kurz darauf kam Duncan Flowers in den Stall. „So, da bin ich wieder. He! Sieht ja gar nicht mal so schlecht aus, was ihr da geschafft habt. Ihr merkt: Arbeiten auf dem Bauernhof kann ganz schön anstrengend sein, oder?“ Bob gab einem Schwein einen Klaps auf den Hintern. „Ach was! Die Viecher gehorchen doch aufs Wort.“ Justus nutzte die Gelegenheit. „Wohnen Sie hier eigentlich ganz allein, Mr Flowers?“

   „Allein? Du bist gut. Ich lebe hier mit Hunderten von Tieren. Aber du hast recht. Eine Frau, die das hier alles mitmacht, habe ich noch nicht gefunden. Und einen Knecht, der mir hilft, kann ich mir nicht leisten. Ich habe den Hof von meinem Vater geerbt. Eigentlich wurde hier früher mal nach Gold gesucht. Dort, wo der Berg beginnt, gibt es sogar noch eine alte Mine. Ab und zu vermiete ich ein Zimmer. Dafür habe ich den alten Stall ausgebaut.“

   Justus wurde hellhörig. „Für Feriengäste?“

   „Na ja. Die kommen eher selten. Meistens sind es reisende Handwerker, die kein Geld für ein ordentliches Hotel haben.“

   „Und wohnt jetzt gerade jemand dort?“

   „Eigentlich schon – und eigentlich wieder nicht. Vor einem Monat kam ein Mann zu mir und hat gleich für vier Wochen im Voraus bezahlt. Seitdem habe ich ihn erst zweimal gesehen. Das liegt aber auch daran, dass ich die meiste Zeit auf dem Feld bin. Seltsamer Typ. Spricht nicht viel. Ich dachte schon, er wäre wieder ausgezogen, aber vorhin lag plötzlich die Miete für eine weitere Woche auf meinem Küchentisch. Wie hingezaubert.“

   Justus war kaum noch zu bremsen. „Und von dem Geld haben Sie gleich meinem Onkel etwas gegeben, oder?“

   „Richtig. Und der gab einen Teil an euch weiter. So wandert das Geld um die Welt. Nur in meinen Taschen bleibt nichts hängen. Und jetzt kommt auch noch die teure Reparatur für die Pumpe dazu. Von der Stadt ist trotz der Trockenheit keine Hilfe zu erwarten. Steuern darf ich zahlen, aber ums Wasser kümmert sich niemand.“

   „Wie heißt denn der Mann, der bei Ihnen wohnt?“, fragte Bob weiter. „Keine Ahnung. Mir hat er sich als Jonny vorgestellt. Ob es sein richtiger Name ist? Wer weiß das schon. Jonnys gibt es in Amerika tausende. Er kam am ersten Tag mit einem kleinen Motorrad. Kann mir auch egal sein, solange er seine Miete bezahlt und keinen Ärger macht. Warum wollt ihr das eigentlich alles wissen?“ Justus blickte den Bauern mit unschuldigen Augen an. „Ach, nur so. Wir interessieren uns eben für alles.“

   Mittlerweile verschwand die Sonne langsam am Horizont. „So, Feierabend für heute. Ein Bauer steht mit den Hühnern auf und geht mit den Hühnern schlafen. Gleich gibt es Abendbrot, und danach zeig ich euch, wo ihr übernachten könnt.“

   Nach dem Essen führte sie der Bauer in den Heuschuppen. Es duftete wunderbar nach trockenem Gras. Eine Katze hatte es sich hier schon gemütlich gemacht und blinzelte sie von ihrem Lager aus schläfrig an. „So! Einfach die Leiter hoch und ins weiche Heu fallen lassen. Damit es nicht so piekt, habt ihr hier noch ein paar Decken. Gute Nacht!“

   Peter kletterte als Erster die Leiter hoch und sprang mit einem großen Satz ins Heu. „Kommt hoch, Leute! Das macht Spaß!“ Bob folgte ihm und warf Justus von oben eine Ladung Heu auf den Kopf. „Schadunga pokanto! Ich kann es Heu regnen lassen. Gebt mir zweitausend Dollar.“

   Schließlich lagen sie zu dritt nebeneinander, und ließen ihren Blick nach oben gegen die alten Holzbalken schweifen. Peter bekam plötzlich einen Schreck. „Sagt mal, das, was da an den Balken hängt, sind das etwa Fledermäuse?“ Bob schob seine Brille zurecht. „Klarer Fall: Das sind fette Vampire. Die Blutsauger haben sich schon ein Lätzchen umgebunden, um uns in der Nacht auszusaugen. Huahhh!“ Peter vergrub Bob unter einer riesigen Ladung Stroh. „Hör auf damit! Du weißt, dass ich dieses ganze Vampirzeug hasse.“ Doch Justus beruhigte ihn. „Alles Blödsinn. An den Balken hängen nur ein paar zusammengeklebte und eingestaubte Spinnweben. Lasst uns lieber nachdenken, was das alles zu bedeuten hat. Ist es wirklich Colby, der hier wohnt? Wir müssen die Augen offen halten. Flowers scheint nicht so richtig mitzubekommen, was auf seinem Hof passiert. Kein Wunder, wenn er immer mit dem Trecker auf seinen Feldern ist.“


   Bob knipste die kleine Taschenlampe an, die er in der Hosentasche hatte. „Okay, wir warten noch eine Weile, dann fangen wir mit unseren Nachforschungen an. Ich hoffe, Flowers geht früh ins Bett.“


Ein leichter Wind kam auf, und im alten Gebälk über ihnen knackte es unheimlich. Selbst die vermeintlichen Fledermäuse begannen, sich an den Balken hin und her zu wiegen. Die drei Jungs lagen regungslos im Heu. Täuschten sie sich, oder raschelte es in dem getrockneten Gras? Bob hob vorsichtig den Kopf. „Ich hab das Gefühl, als ob alles um uns herum lebt. Was ist das alles hier im Heu? Spinnen, Käfer, Krabbelviecher?“ Auch Peter war nicht glücklich mit dem Nachtlager. „Ich bin froh, wenn ich wieder in meinem Bett liege.“

   Sie warteten noch eine Stunde, dann kletterten sie leise die Leiter nach unten. Justus steckte seinen Kopf aus dem Heuschuppen. „Alles klar. Die Luft ist rein. Wir haben zum Glück Vollmond, da brauchen wir die Taschenlampe gar nicht.“

   Bob kniff Peter in die Seite. „Hast du gehört? Vollmond. Das ist die Zeit für die Werwölfe. Uhuaaa!“

   „Halt die Klappe, Bob!“, zischte Peter.

   Justus ging vorweg und führte sie zum Wohnhaus des Bauern. Aus einem offenen Fenster drangen laute Schnarchgeräusche. „Sehr gut. Der schläft wie ein Murmeltier. Wir können mit unseren Untersuchungen beginnen.“

   „Und wo wollen wir anfangen?“, flüsterte Peter.

   „Ich würde mir gern einmal diese sogenannte Ferienwohnung von außen ansehen“, sagte Justus leise. „Wenn Colby tatsächlich hier abgestiegen ist, dann werden wir dort die Beweise finden.“

   „Und wenn wir Colby direkt dort finden? Ich meine, vielleicht kommt er gerade in dem Moment zurück. Was sagen wir dann?“

   Justus schob Peter vorwärts. „Dann sagen wir: ‚Guten Abend, Mister Colby‘ . Los, gehen wir!“

   Der umgebaute Stall lag etwas außerhalb, direkt neben der Pferdeweide. Bob blieb am Zaun stehen. „Nun weiß ich auch, wie Pferde schlafen. Die legen sich einfach hin, so wie wir. Ich dachte immer, Pferde schlafen im Stehen.“ Peter musste grinsen. „Oder die liegen im Gras, weil sie tot sind. Du weißt schon: Die Werwölfe! Uhuaaa!“

   „Lasst den Quatsch!“, schimpfte Justus. „Sonst wird Flowers noch wach. Weiter!“

   An dem alten Stall war von außen eine Holztreppe angebracht. Vorsichtig stieg Justus die knarrenden Stufen hoch. Die anderen beiden folgten ihm etwas zögerlich. Oben angekommen, legte Justus sein Ohr an die Tür. „Nichts zu hören. Ich würde mich auch wundern, wenn jemand unbemerkt hier reingegangen ist. Wir waren schließlich fast die ganze Zeit auf der Farm.“ Bob sah nach unten und hob die Fußmatte an. „Volltreffer! Hier liegt ein Schlüssel. Meine Eltern machen das genauso.“


   Peter schüttelte den Kopf. „Ihr wollt doch nicht etwa damit die Tür aufmachen?“ Bob grinste. „Womit sonst? Etwa mit einer Kneifzange?“

   Der Schlüssel passte, und Justus drückte langsam die Klinke herunter. Quietschend öffnete sich die Tür. Die drei ??? verharrten eine Weile auf der Schwelle. Als nichts zu hören war, betraten sie schließlich den Raum. Die Luft war abgestanden, und es roch nach alter Wäsche. Vorsichtig leuchtete Justus mit der Taschenlampe herum. „Zum Glück niemand da. Peter, mach die Tür zu!“

   Das Zimmer war spärlich eingerichtet. Es gab nur ein Bett, einen Schrank, einen Tisch mit zwei Stühlen und eine kleine Küchenzeile. An einer Wand hing ein Bild mit einem Hirsch. „Meine Ferien möchte ich hier nicht verbringen“, flüsterte Bob. „Da ist es ja im Heuschuppen gemütlicher.“ Justus öffnete den Kleiderschrank. „Zumindest wohnt hier noch jemand. Der Schrank ist voller Klamotten.“ Peter entdeckte auf dem Tisch eine Zeitung. „Hier, die ist von heute.“ Er las die oberste Schlagzeile vor: „Kein Regen in Sicht. Kalifornien leidet immer noch unter der Trockenheit.“ Über dem Stuhl hing eine Jacke. Bob untersuchte sie. In der Innentasche fand er einige Münzen und mehrere gefaltete 5-Dollar-Scheine. „Justus, leuchte mal her! Ich glaube, ich hab hier was.“

   Die drei ??? erkannten es sofort: Auch diese Scheine waren voller Kaffeeflecken. Aufgeregt wühlte Bob in den anderen Taschen. „Zwei Schlüssel, ein Kugelschreiber, ein Feuerzeug und ein zerknüllter Zettel.“ Nervös faltete Bob den Zettel auseinander. „Da hat jemand ein paar Zahlen aufgeschrieben. Scheint eine Telefonnummer zu sein.“ Justus warf einen Blick auf die Nummer. „Kommt mir irgendwie bekannt vor. Moment, ich glaub, ich hab’s.“ Schnell holte er die Visitenkarte des Bürgermeisters hervor. „Da! Ich wusste, dass ich die Nummer heute schon mal gesehen habe. Absolut identisch. Hat Plimsfield nicht gesagt, dass Colby sich bei ihm telefonisch gemeldet hat? So langsam passt alles zusammen.“ Peter betrachtete die beiden Schlüssel. „Ich würde zu gern wissen, wozu die gehören. Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist der eine für ein Vorhängeschloss gedacht. Aber hier im Raum ist nichts abgeschlossen! Der andere ist eindeutig ein Autoschlüssel.“ Justus nahm die Schlüssel an sich. „Dann müssen wir weitersuchen. Der Bauernhof ist schließlich groß. Kommt! Lasst uns hier verschwinden! Ich glaube, wir haben alles gefunden, was zu finden war.“

   Die drei ??? verschlossen die Tür wieder und legten den Zimmerschlüssel zurück unter die Fußmatte. Der helle Mond tauchte die Farm in ein silberfarbenes Licht. Von überall her hörte man die Geräusche der schlafenden Tiere. Bob sah sich um. „Just, wo sollen wir anfangen zu suchen? Der Bauernhof ist riesig. Da findet man eher eine Nadel im Heuhaufen.“ Doch Justus ließ sich nicht entmutigen. „Wir suchen ja auch keine Nadel, sondern einen Wagen. Und wenn es wirklich Colby ist, dann muss der umgebaute Transporter irgendwo hier sein. Wahrscheinlich ist er mit dem Motorrad unterwegs. Flowers sprach doch davon. Kommt mit! Es gibt nicht viele Verstecke für so einen großen Wagen.“


Insgesamt gab es noch vier weitere Schuppen auf dem Gelände. Die drei ??? untersuchten einen nach dem anderen. Am Schluss standen sie wieder vor dem Schweinestall. Peter war enttäuscht. „In den Schuppen war nichts, und im Saustall brauchen wir erst gar nicht nachzuschauen. Vielleicht verfolgen wir doch eine falsche Spur?“ Justus schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin mir sicher. Wir sind ganz nah dran.“ Plötzlich schien Bob etwas eingefallen zu sein. „Erzählte Flowers nicht was von einer Goldmine? Na, klar! Früher hat man doch hier nach Gold gesucht. Irgendwo hinten am Berg muss es eine Mine geben. Vielleicht finden wir dort, was wir suchen? Los, es ist die letzte Chance!“

   Eilig schlichen sie über den Hof. Vor dem Wohnhaus lag Schnappi auf einer Decke und hatte die Augen geschlossen. „Zum Glück schläft der“, flüsterte Peter. „Der würde sonst den halben Zoo hier mit seinem Gekläffe aufwecken.“

   Zielstrebig gingen sie auf den Berg zu. Die schroffen Felsen ragten steil in den Himmel, und nur ein paar karge Kiefern wuchsen zwischen den Steinen.

   Am Fuß des Berges war alles mit Gestrüpp zugewachsen. „Noch eine Nadel im Heuhaufen“, stöhnte Bob. „Der Eingang zur Mine kann überall sein.“

   Wolken zogen auf und verdeckten immer wieder den Mond. Ein Schatten legte sich über den abgeschiedenen Bauernhof. Peter konnte kaum sehen, wohin er trat. „Just, leuchte mal auf den Weg! Das ist stockdunkel und … aua!“

   „Was ist, Peter?“, rief Bob erschrocken.

   „Keine Ahnung. Ich bin über etwas gestolpert.“ Justus richtete die Taschenlampe auf den Boden. „Da! Rostige Schienen! Fast so, wie vor unserer Kaffeekanne.“ Die Kaffeekanne war ein alter Wassertank für die Dampflokomotiven und diente den drei ??? als Geheimversteck. Weil der Tank mit seinem alten Eisenrohr ein bisschen wie eine Kaffeekanne aussah, hatten die drei Jungs ihrer Detektivzentrale diesen Namen gegeben.

   „Schienen? Aber warum sollte hier ein Zug langgefahren sein?“, wunderte sich Bob.

   Justus hatte die Antwort. „Natürlich! Das sind keine Schienen für einen Zug, sondern für die Loren aus dem Bergwerk.“

   „Was sind denn Loren?“

   „Na, das sind die kleinen Wagen, mit denen damals Steine und Geröll aus der Mine befördert wurden. Wenn wir die Schienen verfolgen, dann müssten wir automatisch zum Eingang der Mine kommen. Folgt mir!“ Die Schienen führten direkt auf den Berg zu. Peter nahm einen langen Ast und schob damit das Gestrüpp zur Seite. „Viele Zweige sind abgeknickt“, bemerkte er. „Hier muss sich schon mal jemand durchgekämpft haben.“

   Die Schienen endeten vor einem großen Holztor. Darüber hing ein Balken mit einer eingeritzten Inschrift. Bob nahm die Taschenlampe und las vor. „Diggers Goldgrube. Fremder - einen Schritt weiter, und du bist tot!“ Peter musste schlucken. „Und? Gehen wir einen Schritt weiter, Bob?“

   „Warum nicht? Wir sind doch keine Fremden.“

   Doch so einfach war es nicht, denn das Tor war mit einem schweren Eisenbügel verschlossen. Peter rüttelte am Vorhängeschloss. „So, nun kommt die Stunde der Wahrheit. Wir haben ein Schloss, und wir haben einen Schlüssel. Wenn der nicht passt, dann fresse ich den Strohhut von Bauer Flowers.“ Er hatte Glück, denn der Schlüssel aus der Jackentasche ließ sich mühelos im Schloss drehen. Schnell war der Eisenbügel entfernt, und zu dritt schoben sie das Tor auf. „Sesam, öffne dich!“

   Aus der Mine strömte ihnen feuchte, kühle Luft entgegen. Justus leuchtete mit der Taschenlampe in den Gang hinein. „Hallo? Ist da jemand?“ Der breite Gang schien sehr tief zu sein, denn seine Stimme hallte immer wieder zurück: Ist da jemand … jemand ... jemand… jemand…

   Peter tat einen Schritt nach hinten. „Also mir gefällt das nicht. Wer weiß, was wir da drin finden?“ Justus sah das anders. „Genau das wollen wir herausfinden. Die Sache ist doch ganz einfach: Wenn jemand da drin war, dann ist er jetzt wieder raus. Von innen kann man nämlich das Tor nicht abschließen, oder? Ist doch logisch!“

   Bob grinste ihn an. „Logisch! Und warum hast du dann nach Jemandem gerufen, du Oberschlaukopf?“ Justus gab ihm darauf keine Antwort, nahm die Taschenlampe und schritt mutig voran. „Bleibt dicht hinter mir!“

   Wasser tropfte von den feuchten Wänden, und immer kältere Luft wehte ihnen entgegen. „Als ob der Berg atmet“, flüsterte Peter. Grobe Kieselsteine knirschten unter ihren Füßen. Plötzlich hörten sie aus der Tiefe ein leises Rascheln. Es wurde immer lauter und kam anscheinend auf sie zu. Doch es war kein Rascheln, sondern eher ein Flattern. Ein Flattern von unzähligen kleinen Flügeln. Jetzt war es direkt vor ihnen!


   „Hilfe! Fledermäuse!“, schrie Peter entsetzt. „Schnell! Köpfe einziehen! Igitt! Das sind Hunderte.“ Doch so schnell der Spuk begann, so schnell war er auch wieder vorbei. Die drei hörten, wie ihre Herzen pochten. Bob hob die Taschenlampe auf, die Justus vor Schreck fallen gelassen hatte. „Mann! Ich hab mir fast in die Hose gemacht. Eins schwör ich euch: Ich mach nie wieder einen Vampirwitz.“

   Auch Justus atmete tief durch. „Ein Gutes hat es: Jetzt sind die Viecher draußen. Los, weiter!“

   Der Gang führte noch etwa zwanzig Meter in den Berg hinein. An einer Stelle gab es eine schmale Abzweigung. Hier standen sogar noch drei alte Loren und rosteten auf den Schienen vor sich hin. Am Ende gabelte sich der breite Weg. Sie entschieden sich für den rechten Gang, landeten aber ein paar Meter weiter in einer Sackgasse. Der linke Gang führte noch tiefer in den Berg. Schließlich kamen sie in einen großen Raum. Über ihnen spannte sich die felsige Decke wie eine Kuppel.

   Sie waren am Ziel: In der Mitte stand der umgebaute Lieferwagen des Regenmachers.


Justus ballte die Faust. „Ich hab’s gewusst! Jetzt haben wir den Beweis.“ Die Tür des Wagens war abgeschlossen. „Wenn auch der nächste Schlüssel passt, dann ist Colby endgültig überführt.“ Er passte.

   Der Lieferwagen war uralt, und fast alle Instrumente auf dem Armaturenbrett waren ausgebaut. Es gab eigentlich nur ein Lenkrad und ein Bremspedal. Vorn fehlte die Scheibe und auf dem Beifahrersitz lagen zusammengerollt die Zügel. Bob nahm sie in die Hand. „Ho, Brauner, Ho! Schabundabada!“ , rief er und schwang die Zügel über dem Kopf.

   Justus sah sich im hinteren Teil um. „Schaut euch mal an, was ich hier entdeckt habe!“ Neugierig kletterten seine beiden Freunde zu ihm. „Was ist das denn für ein Apparat?“, entfuhr es Bob. „Sieht aus wie eine Abschussrampe für Raketen.“


   Plötzlich erklang eine tiefe Stimme mit einem merkwürdigen Akzent. „Das ist eine Raketenabschussstation, mein Junge.“

   Die drei ??? erstarrten vor Schreck. Die Seitentür wurde aufgerissen, und vor ihnen stand der Regenmacher mit Federschmuck und Vollbart. „So, so, da habt ihr also tatsächlich mein kleines Geheimnis entdeckt. Und ich dachte, dies sei der sicherste Ort der Welt. Ich wollte immer vermeiden, dass jemand in meinen kleinen Zauberwagen guckt und hinter das Regengeheimnis kommt.“ Justus hielt es vor Neugierde nicht mehr aus. Für einen kurzen Moment vergaß er seine Angst. „Und wie funktioniert das nun mit dem Regentanz? Vom Trommeln und Tanzen allein wird es wohl kaum anfangen zu regnen?“

   Colby schien fast ein wenig stolz zu sein, endlich jemandem seine Konstruktion erklären zu können. „Tja, da ihr ja sowieso fast alles herausgefunden habt, will ich euch auch das erklären. Eigentlich ist es ein alter Hut: Wenn in eine Wolke eine bestimmte Chemikalie geschossen wird, dann bilden sich plötzlich Tropfen, und aus der Wolke regnet es. Es handelt sich um Silbernitrat. Man spricht auch davon, dass die Wolke ‚geimpft‘ wird. Doch so einfach, wie es sich anhört, ist es nicht. Diese Abschussrampe ist meine eigentliche Erfindung. Seht her! Mit dieser Fernbedienung schiebt sich für einen kurzen Moment das Dach des Transporters auf, und die Raketen schießen in den Himmel.“

   Justus zeigte sich beeindruckt. „Jetzt verstehe ich auch das ganze Drumherum mit der Trommelei. Bei dem Lärm hat niemand auf den Transporter geachtet.“

   „Schlaues Bürschchen. Den Regenzauber habe ich bisher in vielen Städten abgezogen, die unter der Hitze leiden. Natürlich jedes Mal für eine Menge Geld. Leider kann man damit nur kurz für einen Schauer sorgen. Darum heißt meine Devise: Viel versprechen. Viel kassieren. Und schnell verschwinden.“

   Jetzt mischte sich Bob ein. „Und bei unserem Bürgermeister haben Sie besonders viel kassiert.“

   „Selbst schuld, wenn man so leichtgläubig ist. Der hat doch nur seine Wahlen im Kopf und will sich beliebt machen. Idiot!“

   „Und wie haben Sie es bei den Tomaten meiner Tante geschafft?“, fragte Justus.

   „Ach, das ist nur ein alter Taschenspielertrick von den Filmleuten aus Hollywood. In dem Regenstab war Trockeneis. Der sorgt für kalten Nebel und ein paar Tropfen Wasser.“

   Peter hatte sich die ganze Zeit an die Rückwand des Transporters gedrückt. „Ich hab auch noch eine Frage: Warum erzählen Sie uns das alles?“

   Ken Colby grinste plötzlich. „Das ist die erste gute Frage, mein Junge. Meine Tarnung ist aufgeflogen, und ich werde für eine Weile verschwinden müssen. Jetzt kommt leider die schlechte Nachricht: Euch muss ich mir vom Hals schaffen.“ Peter schluckte und wurde blass. „Natürlich nur so lange, bis ich mich verdrückt habe. Also, Freunde, ich werde euch hier in der Mine einsperren. Wenn ich weit genug weg bin, dann rufe ich diesen dummen Bauer Flowers an, sage ihm, wo er euch findet, und er befreit euch. So, das war’s! Ich hoffe, ich sehe euch nie wieder.“

   „Das können Sie nicht machen!“, keuchte Peter. „Unsere Taschenlampe ist gleich aus, und die Fledermäuse kommen bald zurück.“

   Doch Colby ließ sich nicht umstimmen. Als sie zusammen vor dem Holztor standen, gab er ihnen zumindest seine Taschenlampe. Vor dem Tor lief aufgeregt Schnappi hin und her. Er war nun doch aufgewacht. „So, da habt ihr eine zweite Lampe. Für alle Fälle. Auf Nimmerwiedersehen! Schabagumbada!“

   Mit einem lauten Knall wurde das Tor verschlossen.

   Die drei ??? konnten nicht glauben, was gerade geschah. Wütend trommelte Bob gegen die Tür. „He! Aufmachen! Sofort aufmachen!“ Doch es half nichts. Sie waren in der Mine gefangen.

   Die drei ??? warteten noch einige Minuten, dann gingen sie zurück zum Lieferwagen. Justus setzte sich auf den Fahrersitz. „Wir können nur hoffen, dass Colby sein Wort hält und Duncan Flowers anruft. Sonst sitzen wir schön in der Tinte.“


Die nächste Stunde verbrachten sie damit, die Tropfen zu zählen, die von der feuchten Gewölbedecke fielen. Schließlich schliefen sie ein.


Plötzlich drangen seltsame Geräusche an ihre Ohren. Peter war der erste, der davon aufwachte, und er rüttelte nervös an Bob, der neben ihm im hinteren Wagenteil hockte. „Bob! Hast du das gehört? Es kommt aus dem Gang.“ Justus riss jetzt auch die Augen auf. „Was ist passiert?“

   „Ich glaube, jemand versucht, das Holztor aufzubrechen“, sagte Peter aufgeregt. „Schnell, kommt mit!“ Sie hatten die ganze Zeit die Taschenlampen angelassen, und die Batterien reichten nur noch für ein leichtes Glimmen der Glühbirne aus. Als sie sich dem Ausgang näherten, vernahmen sie Stimmen. „Hallo? Kinder? Seid ihr hier drin?“ Justus blieb stehen. „Ich werde verrückt. Das ist die Stimme von Onkel Titus. He! Wir sind gerettet.“

   Endlich erreichten sie das Holztor. In dem Moment hörten sie, wie mit einem lauten Krachen das Schloss aufgebrochen wurde. Kurz darauf riss jemand die Tür auf. Draußen schien bereits die Sonne, und die drei Jungs brauchten eine Weile, um ihre Augen an die Helligkeit zu gewöhnen. Justus hatte sich mit der Stimme von Onkel Titus nicht geirrt und rannte ihm erleichtert in die Arme.

   „Kinder, was macht ihr hier für Sachen? Ihr schafft es sogar, einen friedlichen Bauernhof in einen Krimi zu verwandeln.“ Doch Justus’ Onkel war nicht allein. Neben ihm stand völlig aufgelöst Duncan Flowers.

   „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich hätte euch nicht allein im Heuschuppen schlafen lassen sollen. Es ist alles meine Schuld. Dieser Jonny hat mich angerufen. Jetzt weiß ich auch, dass er in Wirklichkeit Ken Colby heißt. Ich hatte ja keine Ahnung, was auf meinem Hof vor sich ging. Er hat mir am Telefon alles erzählt. Es schien so, als wäre er auch noch stolz auf seine Taten.“

   Da mischte sich Onkel Titus wieder ein. „Eine unglaubliche Geschichte! Ich habe übrigens noch jemanden mitgebracht. Unseren Bürgermeister. Er hat sich heute Morgen bei uns nach euch erkundigt und dann alles gebeichtet. Wir haben uns zusammen auf den Weg gemacht. Mister Plimsfield! Nun kommen Sie doch endlich aus dem Gebüsch raus!“ Mit gesenktem Kopf tauchte der Bürgermeister auf. „Kinder, mir ist das alles so schrecklich peinlich. Ich hätte euch niemals in die Geschichte reinziehen dürfen.“

   Jetzt ergriff Justus das Wort. „Schluss jetzt! Bevor allen die Sache schrecklich peinlich ist, sollten wir uns lieber freuen, dass der Fall gelöst ist.“ Bob wischte seine Brille sauber. „Tja, gelöst schon. Nur leider ist der Hauptschuldige über alle Berge. Fall gelöst, Täter abgehauen, würde ich sagen.“

   Da knetete Justus nachdenklich mit Daumen und Zeigefinger seine Unterlippe. Sein Blick fiel abwechselnd auf Flowers und auf Schnappi, seinen Hund. Dieser hockte neben seinem Herrchen und leckte sich die Pfoten. Justus holte tief Luft. „Ich denke, der Fall ist sogar vollständig aufgelöst. Der Täter ist nämlich näher, als manch einer denkt.“

   Der Bürgermeister schluckte schnell eine Pille. „Ich verstehe dich nicht, mein Junge. Wie meinst du das?“

   „Ich meine das so, wie ich es sage. Der Täter ist unter uns. Und soviel kann ich verraten: Ich bin es nicht. Peter und Bob auch nicht. Auch nicht Onkel Titus und auch nicht Sie, Herr Bürgermeister.“ Alle Blicke richteten sich plötzlich auf Flowers. „He, was guckt ihr mich denn alle so an? Was habe ich mit diesem Colby zu tun? Er war doch nur mein Gast.“ Justus holte zum letzten Schlag aus. „Ganz einfach, Mr Flowers: Sie und Colby sind ein und dieselbe Person.“

   „Wie kommst du auf so einen Unsinn, du Bengel?“

   „Ganz einfach. Schnappi hat das Rätsel gelöst. Sie haben es doch selbst gesagt: Er bellt jeden an, den er nicht kennt, und hört erst auf, wenn Sie dabei sind. Als uns in der Nacht Ken Colby in der Mine einsperrte, stand draußen Schnappi und hat nicht einen Mucks gemacht. Warum auch? Er kannte ja Ken Colby – oder soll ich lieber Duncan Flowers sagen? Sie haben sich einfach ein bisschen verkleidet und die Stimme verstellt. Dazu die Federn auf dem Kopf und der Vollbart. Mir kam auch dieser seltsame Akzent von Anfang an komisch vor. Ich könnte wetten, dass wir in Ihrem Haus die Verkleidung und sogar das restliche Geld vom Bürgermeister finden.“


   Justus’ Ansprache hatte voll ins Schwarze getroffen.

   Flowers ließ den Kopf hängen. „Also gut. Bevor Sie mein Haus durchsuchen, gebe ich lieber alles zu. Ja, der Junge hat recht. Ich bekenne mich schuldig.“

   Der Bürgermeister verstand die Welt nicht mehr. „Aber wieso das ganze Theater? Warum dieses Rollenspiel?“ Justus gab ihm die Antwort. „Ist doch klar. Flowers hatte einen genialen Plan. Er konnte als Ken Colby mit seinem Regentanz in aller Ruhe den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Wenn er aufgeflogen wäre, dann hätte er einfach Ken Colby beerdigen und unbescholten als Duncan Flowers weiterleben können.“ Onkel Titus sah seinen Neffen verwirrt an. „Hä?“

   „Colby war ja nur eine Fantasiefigur. Wie sollte man den verhaften? Flowers hätte den Federschmuck und den falschen Bart verbrannt, und niemand auf der Welt hätte Ken Colby je zu Gesicht bekommen. Der Fall ist gelöst, würde ich sagen.“

   Duncan Flowers sagte nichts mehr und ließ sich vom Bürgermeister widerstandslos abführen. „So, mein Freundchen, das war’s! Man sollte sich nicht mit dem Bürgermeister anlegen. Hoffentlich haben Sie das Geld noch nicht verprasst. Ich werde gleich die Zeitung informieren und eine Pressekonferenz einberufen. Rocky Beach kann froh sein, dass wieder ein Krimineller aus dem Verkehr gezogen wurde. Abmarsch!“

   Justus sah den beiden hinterher. „Das war’s mit der Regenzauberei. Und wisst ihr was? Ich kann auch zaubern. Ich kann nämlich in die Zukunft sehen.“

   „Du kannst in die Zukunft sehen?“, wiederholte Peter verwundert. „Ja, ich sehe, dass unser Bürgermeister wiedergewählt wird. Schabangabangabummbumm.“

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